Kleinunternehmerregelung in der EU

Sowohl in Deutschland als auch in den meisten anderen EU-Mitgliedsstaaten gibt es die vom Jahresumsatz abhängige Einstufung als Kleinunternehmer. Die Voraussetzungen hierfür sind von Land zu Land differenziert zu betrachten, da sie vor allem in den jeweils vorgegebenen Umsatz-Höchstgrenzen stark variieren.

Kleinunternehmer in Deutschland

selbstständig machenHierzulande gilt grundsätzlich als Kleinunternehmer, wer im Rahmen seiner gewerblichen, selbstständigen oder freiberuflichen Tätigkeit im vorangegangenen Kalenderjahr die Umsatzgrenze in Höhe von 17.500,- € nicht überschritten und außerdem im laufenden Jahr mit einem Umsatz rechnet, der 50.000,- € nicht toppen darf. BEIDE Bedingungen müssen erfüllt sein!
Wichtig zu verstehen ist hierbei, dass es sich bei den oben genannten Zahlen NICHT um den im Kalenderjahr erwirtschafteten oder erwarteten Gewinn/Verlust handelt, sondern – Kosten und Investitionen unberücksichtigt gelassen – wirklich um den erzielten Umsatz, sprich sämtliche von Kunden vereinnahmten Entgelte innerhalb eines Jahres! Einzig die Umsätze aus der Veräußerung von Wirtschaftsgütern aus dem Anlagevermögen dürfen für die Bemessungsgrundlage wieder abgezogen werden.

Kleinunternehmer sind verpflichtet, ihren Status jedes Jahr auf die oben genannten Bedingungen hin neu zu überprüfen. Ist die Grenze von 17.500,- € im vorangegangenen Kalenderjahr überschritten worden, gilt für das Folgejahr automatisch der „normale“ Unternehmerstatus samt Regelversteuerung (zwingende Pflicht Umsatzsteuer auf seine Umsätze zu erheben)!
Vergisst der Unternehmer diese Prüfung und stellt zum Beispiel erst im Juni eines Jahres fest, dass er eigentlich schon sämtliche bisher erzielten Jahresumsätze mit Umsatzsteuer hätte belegen müssen, so ist er verpflichtet, diese nachzuzahlen.
Des Weiteren ist zu beachten: Wird eine Tätigkeit/Unternehmung erst im Laufe eines Jahres neu aufgenommen, so ist der bis zum Jahresende erwartete Umsatz auf einen Gesamtumsatz des ganzen Kalenderjahres hochzurechnen! Erwartet ein Anfang Juli gestarteter Unternehmer beispielsweise bis zum Jahresende einen Umsatz von 10.000,- €, entspräche dies einem Jahresumsatz von 20.000,- €, hieße Regelversteuerung.

Kleinunternehmerregelung in Deutschland

Kleinunternehmerregelung nach §19 UStGIn § 19 des deutschen Umsatzsteuergesetzes ist geregelt, dass jemand, der ein Kleinunternehmen führt, in seinen Rechnungen keine Umsatzsteuer ausweisen und demzufolge auch keine solche ans Finanzamt abführen, noch eine entsprechende Erklärung abgeben muss. Dies bedeutet aber auch gleichzeitig, dass er die in Rechnungen seiner Lieferanten ausgewiesene Umsatzsteuer – aus Käufersicht Vorsteuer genannt – nicht gegenüber dem Finanzamt geltend machen, sprich zurückerstattet bekommen kann! Stattdessen werden die bezahlten Steuern den entsprechenden Wareneinkäufen, Anlagegütern und laufenden Betriebskosten hinzugerechnet (brutto für netto).

Wichtig: Diese Regel ist nur eine Kann- oder auch WAHL-Bestimmung! Trotz einer Kleinunternehmer-Einstufung kann auf die Nutzung dieser Erleichterungsvorschrift verzichtet werden. In diesem Fall müsste das Finanzamt zum Beispiel im Rahmen des steuerlichen Erfassungsbogens für Existenzgründer oder später formlos davon in Kenntnis gesetzt werden. Außerdem muss Klarheit darüber bestehen, dass an diesen Entschluss eine Bindung von 5 Jahren geknüpft ist!

Vor- und Nachteile der Kleinunternehmerregelung

Vorteile und Nachteile der KleinunternehmerregelungEin Hauptziel bei der Anwendung dieser Regelung soll natürlich sein, einem Existenzgründer den Start ins Unternehmerleben, in die Selbstständigkeit zeitlich, bürokratisch (einfache Buchführung und Gewinnermittlung) zu erleichtern und ein Wachstum zu fördern, indem in begrenztem Rahmen die Kosten durch Umsatzsteuerabgaben entfallen. Die Abgabe von Umsatzsteuervoranmeldungen ist somit nicht nötig.
Dadurch können sich vor allem dann Gewinn- oder Wettbewerbsvorteile ergeben, wenn es sich bei den Kunden hauptsächliche um private Endverbraucher handelt. Denn im Gegensatz zu Unternehmern, die Nettopreise vergleichen, geht es den Privatkunden darum, gute Endpreise zu erzielen.

Beispiel:
Kleinunternehmer „K“ und (Normal-)Unternehmer „U“ kaufen beide eine einzelne Ware für 119,- € ein. „K“ entstehen dadurch Einkaufskosten in Höhe von 119,- €, während „U“ effektiv nur 100,- € zahlt, da er die 19% Vorsteuer vom Finanzamt zurückerstattet bekommt.
Ist der am Markt gängige Verkaufspreis für diesen Artikel zum Beispiel 250,- €, hat „K“ nun zwei Möglichkeiten: Er verkauft, wie „U“ auch, für 250,- €, dann hat er diesen Betrag cash, da er ja in seiner Rechnung keine Umsatzsteuer ausweist. Sein Gewinn würde 250 - 119 = 131 € betragen.
Der Gewinn von „U“ würde geringer ausfallen, da er die vereinnahmte Umsatzsteuer aus 250,- € (39,90 €) ans Finanzamt abführen muss: 25 -100-39,90 = 110,10 €. „K“ hat nun entweder den Vorteil des höheren Gewinns (einsetzbar zur Abzahlung von Erstinvestitionen/zur Produkterweiterung), oder aber die Chance, den erzielten Mehrgewinn direkt an seine Kunden weiterzugeben und den Artikel für attraktivere 229,10 € anzubieten.

Schlussfolgernd daraus ergeben sich natürlich Wettbewerbsnachteile, wenn die Kundschaft überwiegend aus Unternehmern besteht, die Vorsteuer ziehen wollen, aber nicht können, weil statt einer aufgeführten Steuer unter der Rechnung in der Regel ein Satz steht wie: „Keine Umsatzsteuer im Rechnungsbetrag ausgewiesen, da Kleinunternehmer nach § 19 UStG Abs.1“
Dieser Satz könnte sich auch unattraktiv auswirken, wenn dadurch die Leistungs- und Marktfähigkeit durch den Kunden infrage gestellt wird.

Unbedingt bedacht werden sollte bei der Entscheidung für oder wider die Inanspruchnahme der Kleingewerbsregelung, ob zu Beginn der gewerblichen/selbstständigen Tätigkeit hohe Gründungs- oder Wareninvestitionen getätigt werden müssen, die die zu erwartenden Umsätze in der ersten Zeit stark übersteigen, also das Unternehmen sehr belasten. In diesem Fall wäre aus Sicht der vorhandenen Finanzkraft, der Zukunftsaussichten zu überlegen, auf die Kleinunternehmerregelung zu verzichten, um die gezahlten Vorsteuerbeträge vom Finanzamt erstattet zu bekommen und dadurch die Liquidität wieder zu erhöhen, die Zinskosten zu senken.

Geschäfte innerhalb der EU mit der Kleinunternehmerregelung

Kleinunternehmerregelung in der EUEgal ob ein Kleinunternehmer Lieferungen oder Leistungen aus einem anderen EU-Land einkaufen, oder sein eigenes Angebot dahin verkaufen möchte: Er benötigt in jedem Fall eine Umsatzsteuer-Identifikationsnummer vom deutschen Bundeszentralamt für Steuern!

Sehr wichtig zu wissen ist in diesem Zusammenhang, dass bei innergemeinschaftlichen Geschäften immer das Umsatzsteuerrecht anzuwenden ist, in dessen Land die Lieferung und Leistung erbracht wird!
Auch wenn ein Kleinunternehmen nach § 19 UStG an einen Kunden der EU Dienstleistungen oder Waren verkauft und auf seinen Rechnungen keine Umsatzsteuer ausweist, so gelten diese Lieferungen im angelieferten EU-Land unabhängig davon für den EMPFÄNGER als steuerpflichtig, wofür er zwingen die Umsatzsteuer-ID benötigt!

ACHTUNG!!!
Mit Urteil vom 26.10.2010 (C-97/09) hat der Europäische Gerichtshof entschieden, dass EU-Kleinunternehmer, die in ihrem Heimatland geltende Kleinunternehmerregelung NICHT für Geschäfte im EU-Ausland anwenden können!
Dies bedeutet: Wer zum Beispiel in Deutschland ein Kleinunternehmen führt und sich an den Umsatzgrenzen von 17.500,-/50.000,- € ausrichten muss, betrachtet hierfür die erzielten Umsätze INNERHALB Deutschlands. Bei Geschäften innerhalb der EU besteht darüber hinaus die Verpflichtung im Einzelfall zu überprüfen, wie dort die jeweiligen Kleinunternehmerregelungen lauten, und ob er sich in dem Land, in dem er seine Leistung erbringen möchte, gegebenenfalls vorher bei dem ausländischen Finanzamt anzumelden hat.

Kleinunternehmerregelungen in den EU-Mitgliedsstaaten

In vielen Ländern der EU gibt es ähnliche Vereinfachungsregeln für Kleinbetriebe wie in Deutschland. Lediglich die Niederlande, Schwede und Spanien besitzen keine solchen.
In den übrigen Ländern differieren vor allem die festgesetzten Schwellenwerte, sprich Höchstgrenzen für ein Kleinunternehmertum. So liegen beispielsweise Belgien mit 5.580,- € und Finnland mit 8.500,- € deutlich unter den deutschen Grenzwerten, während zum Beispiel Österreich und Italien mit je 30.000,- € und die Slowakei mit 49.790,- € deutlich über den deutschen Werten liegen. Schlaraffenlandgleicher Spitzenreiter ist das Vereinigte Königreich (GB) mit rund 81.840,- €.